Gebrochene Totalität – Natur und so weiter

Vorträge und Diskussion zur Kritik des Geschlechterverhältnisses

Samstag, 30.04.2016, 19 Uhr, f.a.q.-Infoladen, Jonasstraße 40, 12053 Berlin

Wer über das Geschlechterverhältnis nachdenkt, muss sich üblicherweise zunächst rechtfertigen: Dabei muss der offensiven Verleugnung des Leidens am Geschlechterverhältnis – »Wer sich diskriminiert fühlt, ist selber schuld« – entgegengetreten werden; muss gezeigt und erinnert werden, dass trotz Arbeitsmarktintegration und Bundeskanzlerin keineswegs die Emanzipation bereits eingetreten ist. Die Annahme eines Fortschritts in Sachen Geschlecht, der die Dinge langsam aber sicher zum besseren wende, kennt ein Pendant in der Linken, nämlich das Argument von der Geschlechtslosigkeit des Kapitals, das mit unverdrossener Regelmäßigkeit vorgebracht wird. In einer Variante davon wird die tiefsitzende Verhaftung patriarchaler Strukturen in der warenproduzierenden Gesellschaft zwar anerkannt, aber trotzdem auf das frauenfreundliche Potenzial des Kapitalismus gesetzt.

Die beiden Vorträge handeln von den Gründen für die sich permanent wiederholende Konstellation von Verleugnung und Rechtfertigung der Geschlechterdifferenz, die den Feminismus dazu zwingt, immer wieder von vorne anzufangen. Aus verschiedenen Perspektiven entwickeln wir eine materialistische Kritik, die den Zusammenhang von Kapital und Geschlecht nicht als logischen fasst, sondern negativ. Wir freuen uns auf die Diskussion mit euch.

Koschka Linkerhand spricht zu „Natur, Liebe und unbezahlte Arbeit“ und entwickelt eine Kritik des Geschlechterverhältnisses in Wert-Abspaltungs-Theorie und Care-Ansatz. Sie ist Autorin der feministischen Zeitschrift outside the box und lebt in Leipzig.

Karina Korecky fragt nach der Rolle von Natur in der feministischen Theorie und den Gründen für das Auseinanderfallen von Feminismus und Gesellschaftskritik. Sie schreibt über Staatstheorie und Naturbegriff und lebt in Jerusalem.

Der Veranstaltungsort ist barrierearm.

„Europa den Europäern“ – Eine Betrachtung der aktuellen ungarischen Asylpolitik

Vortrag mit Benjamin Horvath

Freitag, 13.11.2015, 19:30 Uhr, Humboldt-Universität Berlin, Unter den Linden 6, Hörsaal 1072

Seit kurzem hat die ungarische Regierung einen 175km langen Grenzzaun zu ihrem südlichen Nachbarland Serbien errichtet, um die Flüchtlingsströme auf der sogenannten Westbalkanroute einzudämmen. Auch das Militär wird entlang der Grenze verstärkt eingesetzt. Im Inneren des Landes läuft die Hetze und Panikmache gegen Flüchtlinge auf Hochtouren. In den letzten Monaten überschlagen sich die Meldungen über Aufstände der Flüchtigen; sei es hinter der Grenze oder am Budapester Ostbahnhof. Dabei möchten die Wenigsten in Ungarn Asyl beantragen. Die Mehrheit strebt nach West- und Nordeuropa. Welche genauen Mittel die ungarische Regierung einsetzt, um mit den Flüchtlingsströmen fertig zu werden und was sie mit diesem Vorgehen zu erreichen versucht, soll in diesem Vortrag beleuchtet werden.

Aufstieg und Zerfall des Deutschen Europa

Buchvorstellung mit Tomasz Konicz

Freitag, 06.11.2015, 19:30 Uhr, Humboldt-Universität Berlin, Unter den Linden 6, Hörsaal 1072

Der Ausbruch der Eurokrise markiert die Geburtsstunde des „Deutschen Europa“, in der die drückende ökonomische Überlegenheit der BRD in einen politischen Führungsanspruch umgewandelt wurde. Merkel und Schäuble bestimmten den Kurs der europäischen Krisenpolitik, die sich weitgehend an den Interessen der deutschen Exportindustrie ausrichtete. Im Buch soll die Durchsetzung dieser rücksichtslosen Politik Berlins, die Europa entlang der Verwertungsinteressen des deutschen Kapitals transformierte, ebenso beleuchtet werden wie die verheerenden sozioökonomischen Folgen dieses deutschen Dominanzstrebens in der Peripherie der Eurozone. Dieses Buch ist folglich zuallererst eine Generalabrechnung. Es ist eine Abrechnung mit einem verhängnisvollen Großmachtstreben der deutschen Funktionseliten aus Politik und Wirtschaft, das eine erstaunliche langfristige Konsistenz aufweist und auf ein altes Ziel hinarbeitet, an dessen Realisierung Deutschland bereits zwei Mal scheiterte: das Erreichen einer deutschen Hegemonie in Europa. Eine Kernthese des Buches lautet daher: Die deutschen Funktionseliten unternehmen einen dritten historischen An-lauf, um die Position einer europäischen Hegemonialmacht zu erringen – wobei dieser dritte Griff nach der Macht in Europa mit ökonomischen Mitteln und Methoden, als eine Art Wirtschaftskrieg, geführt wird.

Tomasz Konicz ist freier Journalist und schreibt u.a. regelmäßig für Konkret und Telepolis.

Weitere Informationen zum Buch:
http://www.unrast-verlag.de/neuerscheinungen/aufstieg-und-zerfall-des-deutschen-europa-detail

Zum Androzentrismus der naturbeherrschenden Vernunft

Vortrag und Diskussion sowie Vorstellung der EXIT! Nr. 12 mit Johannes Bareuther

Mittwoch, 11.03.2015, 19:30 Uhr, Sputnik, Charlottenstr. 28, 14467 Potsdam

Im 17. Jahrhundert entsteht mit der Mechanik Galileis und Newtons ein neuer Typus mathematisch-experimenteller Naturerkenntnis. Etwa zeitgleich erreichen die brutalen Hexenverfolgungen ihren Höhepunkt. Ausgehend von der Ahnung, dass zwischen beidem ein Zusammenhang besteht, von dem die Naturwissenschaft selbst nichts wissen möchte, entwickelt der Vortrag einige Überlegungen zur feministischen Kritik der Naturbeherrschung im Anschluss an Horkheimer und Adorno.

Johannes Bareuther ist Redakteur der bei Horlemann erscheinenden Theoriezeitschrift EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft und studiert in Berlin Philosophie und Wissenschaftsgeschichte.

Die Grenze der Aufklärung und die Krise der Gesellschaft

Vortrag und Diskussion mit JustIn Monday

Mittwoch, 25.03.15, 19:30 Uhr, Schankwirtschaft Laidak, Boddinstraße 42, 12053 Berlin

Eine der ersten Versionen von Moishe Postones bekanntem Aufsatz „Antisemitismus und Nationalsozialismus“ wurde 1982 in der Zeitschrift Merkur veröffentlicht und trug dort den Titel „Die Logik des Antisemitismus“. Der Grund für die Titelwahl dürfte gewesen sein, dass im Mittelpunkt von Postones Argumentation die Dialektik und somit die Logik der Wertform steht.

Allerdings steht die einseitige Betonung der Logik, die dem Aufsatz insgesamt nicht gerecht wird, in dessen Rezeption aber tatsächlich eine zentrale Rolle gespielt hat, in einem eigentümlichen Verhältnis zur Geschichte des Antisemitismus innerhalb derjenigen Gesellschaft, in der der Wert die Form der Herrschaft darstellt. Denn diese ist zwar seit ihrem Beginn von Antisemitismus durchzogen, nur wirkt der keineswegs so kontinuierlich, wie es eine Herleitung aus den elementaren Formen vermuten lässt.

Das antisemitische Denken unterliegt wie kein anderes Ressentiment der bürgerlichen Gesellschaft assoziativen Sprüngen und irrationalen Fixierungen, weshalb die Rede davon, dass er eine Logik hat, mindestens fragwürdig ist. Aber nicht nur der Inhalt der Ressentiments ist inkonsistent. Die in der Antisemitismusforschung übliche Unterscheidung zwischen latentem und manifestem Antisemitismus ist eine Reaktion darauf, dass die gesellschaftlichen Subjekte sich schubweise und relativ plötzlich in jene verfolgende Unschuld verwandeln, die sie als AntisemitInnen sind.

Diese Seite des Antisemitismus – und darum soll es in dem Vortrag gehen – verweist auf die Bedeutung der Krise bei der Entstehung des Antisemitismus. Es ist kaum zu übersehen, dass die Assoziationsketten, die die antisemitische Agitation tragen, mit antiliberalen Schuldzuweisungen an vermeintliche Krisenverursacher ansetzen, um in ihrem Fortgang zu einer Vorstellung von der Welt als Ganzem zu kommen, in dem „jüdisches Handeln“ im Mittelpunkt allen Geschehens stehen soll. Erst in der Reflexion auf die Denkformen, die den kapitalistischen Subjekten zur Verfügung stehen, um die Krisentendenz ihrer Gesellschaft zu begreifen, lassen sich sowohl die stereotype politökonomische Systematik des Antisemitismus erkennen als auch die scheinbar vermittlungslos unsystematischen, hasserfüllten Affekte des antijüdischen Unbewussten wahrnehmen und zurückweisen. Ein Zusammenhang, der im Vortrag anhand einer Übersicht über die Geschichte des Antisemitismus entfaltet werden soll.

JustIn Monday lebt in Hamburg. Aufsätze zu Rassismus, Krisenpolitik und -bewusstsein von ihm sind u.a. in Konkret und EXIT! erschienen.